Ein typischer Tag beim Rettungsdienst


Ein typischer Tag beim Rettungsdienst;
oder Dienst mit den Krankenwagenfahrern und ihrem großen Pflasterlaster...


Einer der wichtigsten Leitsätze: sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit...



Es ist Samstag der 18. September, um Punkt 7 beendet der Wecker eine wiedermal viel zu kurze Nacht.

Der typische Tag im Rettungsdienst startet so typisch wie so viele andere. Ich weiss noch gar nichts von meinem Glück heute Rettungswagen zu fahren, erst die Diensteinteilung durch unseren Cheff läßt mich aus meinen süßen Träumen vom ruhigen Tag im Bett der Feuerwache aufwachen.
Im Gegensatz zum Dienst im Löschzug (wird bei uns Dienst in Blau genannt) ist das Arbeiten im Rettungsdienst (Dienst in Weiß) um einiges unruhiger. Im Schnitt fahren wir zu 8 Einsätzen, wobei einer etwa eine Stunde dauert.

Die Rettungsdienst- Einsätze sind selten so Öffentlichkeitswirksam wie Feuerwehr- Einsätze, sie spielen sich nämlich in den meisten Fällen in Gebäuden ab. Das bedeuetet aber nicht, dass die Einsätze nicht auch spektakulär sind, ganz im Gegenteil. Bedingt durch die Tatsache das wir in den meisten Fällen nur zu zweit sind, kann die Arbeit enorm fordernd sein, physisch (z.B. bei langen Reanimationen) und psychsich (z.B. bei Hasstiraden während einer Zwangseinweisung).

Die folgenden Bilder enthalten wieder zusätzliche Informationen sobald man mit der Maus drübergeht!

"Rettcatraz"




Das ACLS- Training... (war nicht an diesem Samstag, aber gehört zu unserer normalen Vorbereitung für den Dienst auf dem Rettungswagen)

Vor dem Dienst auf dem Rettungswagen hat der Dienstherr uns das ACLS- Training gesetzt.
ACLS steht für advanced cadiatric Life support... das wiederum beschreibt im großen und ganzen den Reanimationsalgorhytmus, also den worst case oder um zurück zur Muttersprache zu kommen:"oha, oha, de geiht nej good, ick glov de is dood!" Wie schön kurz und prägnant das doch alles im englischen ist.
Das interessante an solchen Algorythmen ist, daß sie nie lange von Bestand sind, so hat sich allein der Rhythmus von Herzdruckmassage zu Beatmungen seit Beginn meines Rettungsdienstdaseins von 5:2 auf 15:2 bis nun 30:2 geändert. Hat man bis vor kurzem noch behauptet: "bei jedem Kammerflimmern wird sofort geblitzt!" so müssen wir wenig später alles wieder über Bord werfen und die ersten 2 min die Finger vom Blitzgerät lassen, weil das die wichtige Pumptätigkeit
des Herzens zu länge unterbricht und so auch länger kein Sauerstoff ins Patientenhirn gelangt... wer jetzt aber sagt: "aber wenn das Herz doch dann viel eher wieder selber schlägt..." der kann für solche Äußerungen schnell mal auf dem Scheiterhaufen landen... Nein, im Ernst, in den letzten paar Jahren sind immer mehr Studien aufgetaucht die immer neue Erkenntnisse ans Tageslicht fördern, das der Wandel, bzw die Schnelligkeit des Wandels manchmal schon erschreckent ist.

Viele Medikamente und Massnahmen, die früher ein Weiterleben garantieren sollten sind nun tatsächlich kontraindiziert... "Supra über den Tubus? Das taugt doch nix!" Was habe ich den Leuten früher nicht alles in den Hals laufen lassen im Namen der modernen Medizin. Manchmal hats auch geklappt, nach heutiger Auffassungsgabe vielleicht tatsächlich ein Wunder? Wer weiß?
Auf jeden Fall sind das manchmal schon tiefgreifende Änderungen, hat man sich gerade an einen Standart gewöhnt, kann man sich sicher sein, das die Amis bald neue Erkenntnisse auf den Markt werfen und alles alte absolut falsch ist, aber ich schweife vom Thema ab... Deshalb ist das Training ja auch so wichtig für uns!

Bei dem Training üben wir an einer Puppe, die uns nichts übel nimmt, man kann sie stechen, pieksen, Medikamente applizieren, ihr einen Schlauch in den Hals schieben und auch "blitzen" wie das defibrillieren in der Fachliteratur auch genannt wird (das ist die Stelle, wenn im Fernsehen die Darsteller kurz hoch hüpfen). Und obwohl durch ihre Adern nur roter Himbeersaft fließt, kann sie auch noch Puls haben.
Viele Standart- Notfälle sind bei uns in Algorythmen beschrieben, das hat den Nachteil das bei dem ein oder anderen das eigenständige Denken nur noch auf Stand- By läuft und Notfälle ausserhalb der Norm dann schwerer abzuarbeiten sind, andererseits verhilft es dem Patienten zu einer immer gleichbleibenden Qualität der Hilfe. Wenn man nämlich Nachts schon 3 mal Betrunkenen auf die Beine geholfen hat und dann schlaftrunken unverschämterweise tatsächlich mal jemand reanimationspflichtig ist, sind die meisten Handgriffe in Fleisch und Blut übergegangen und klappen eben auch auf Stand- By...
Andererseits, welcher Notfall ist schon standartmäßig?
Ich denke, man kann davon ausgehen, das sich kein Notfall in der gleichen Art und Weise wiederholt. Mal ist kein Platz zum Arbeiten da, dann ist die Treppe zu schmal, oder man ist lange Zeit auf sich gestellt bis Unterstützung kommt, oder aber man ist auf der Straße und bekommt schlaue Ratschläge, als wenn man gerade auf einer Ärzte Tagung über Stoffwechselkrankheiten philosophieren möchte...

Der Hauptunterschied zur Realität besteht darin, daß wir in der Übung immer ausreichend Platz zur Verfügung haben, es hell und sauber ist, keine Aussensteheden stören und es schöne weiche Decken zum hinknien gibt.
Baut man allerdings künstliche Schwierigkeiten ein, kann man davon ausgehen, dass die nächste echte Rea auf einem Fußballplatz im schönsten Sonnenschein mit lauter hilfbereiten medizinischem Fachpersonal stattfinden wird, also bleiben wir bei unseren Laborbedingungen und verlassen an der ein- oder anderen Stelle den vorgegebenen Pfad des nicht allwissenden Algorythmusses um zu improvisieren.
Aber noch einen weiteren wichtigen Vorteil hat das Üben, so lernt sich das Team, daß unter Umständen noch nie gemeinsam gearbeitet hat, besser kennen und kann die ersten Probleme noch vor Dienstbeginn auf dem Rettungwagen aus der Welt schaffen.



Das ACLS Training




Zurück zum Samstag, das Team für den Rettungswagen besteht aus einem Rettungssanitäter (RS, mein Kollege, der Fahrlehrer, damit wir auch sicher ankommen) und einem Rettungsassistenten (RA, ich).
Rettungsassistent klingt sehr nach Hilfskraft, ist aber die abgeschlossene Ausbildung im Rettungsdienst. Alle Kollegen der Berufsfeuerwehr sind mindestens RS, die andere Hälfte ist zum RA ausgebildet.

Zur Ablösung der Vorbesatzung hören wir uns dann wie immer an, wie unglaublich viele Touren sie hatten und wie kurz der Schlaf war, jammern gehört halt auch zum Geschäft... Aber auch wirklich wichtige Infos werden ausgestauscht, was noch alles gewechselt werden muss, was nicht in Ordnung ist und ob noch Einsätze nachzutragen sind. In unserem Fall war es so, daß die 2 Liter Sauerstoffflasche nur noch halb voll ist, also kein Problem, aber gut zu wissen.
Dann tauschen die Melder und die Schlüssel (für die Wache, fürs Fahrzeug, für die Medikamente) die Besizter und wir machen uns nach dem Ansitzen (siehe ein typischer Tag bei der Feuerwehr) auf dem Weg zur Rettungswache nach Kreyenbrück. Auf dem Weg begegnen wir den Kollegen von Wache 2 die plötzlich uns mit Alarm entgegenkommen, "was habt ihr den vor?" "Na, uns ist langweilig!"
Sie hatten natürlich einen Einsatz bekommen. Bevor es auf die Wache geht noch schnell ein Stop beim Bäcker und beim Fleischer, man will ja nicht Hunger leiden...

Dort angekommen beginnt ein Ritual, wie es jeden Dienst das gleiche ist, das Fahrzeugchecken.
Auch wenn die Kollegen sagten, das alles in Ordnung sei (manche sagen auch: wir haben euch 7 Fehler eingebaut, viel Spass) machen wir das jeden Morgen. Das hat nicht nur den Vorteil, dass man alle auch noch so selten gebrauchten Gegenstände ausprobiert und so auch mit geschlossenen Augen bedienen kann, man weiss auch sofort wo alles verstaut ist. Wäre nicht gerade Vertrauenserregend, wenn man wegen jeder Kleinigkeit anfangen muss zu suchen.

der 11/ 54




Der passende Spruch dazu heisst: "die Hälte seines Lebens checkt der Retter vergebens." Weil wie gesagt wirklich alles ausprobiert wird um nichts dem Zufall zu überlassen.
Bei manchen Geräten und Materialien, auch wenn sie noch so selten gebraucht werden, entscheidet ein eventueller Fehler über das "Outcome" des Patienten. So können abgelaufene Medikamente gegenteilig wirken und leere Sauerstoffflaschen niemanden helfen. Ebenso schlimm wäre es wenn z.B. Beatmungsbeutel undicht sind, oder der Defibrilator nicht funktioniert.

die Beladung




Im Prinzip ist auf den Rettungswagen immer alles doppelt, (habe mal nachgelesen, der Fachman sagt Redundant) einmal um im Fahrzeug zu Arbeiten, zum anderen um alles zum Patienten mitnehmen zu können. Davon ausgenommen sind nur: EKG, Spritzenpumpe (Perfusor) und das Beatmungsgerät. Diese Geräte sind allerdings so gebaut und mit leistungsstarken Akkus versorgt, daß wir sie immer mitnehmen und auch immer damit Arbeiten können.

Der Defi




Zurück zum Samstag. Ich bin noch so müde, dass ich den Kollegen nur beim Frühstück zusehen kann. Die ersten Witze machen die Runde, schlauschnacken können und lieben wir alle. Zur Erheiterung tragen auch immer wieder Zeitungsartikel einer großen Tageszeitung bei, die an diesem Tag über ungewöhnliche Monsterwellen in der Nordsee berichtet, genau das richtige für uns alte Seemänner.

9:32h
Der erste Kaffee ist noch nicht am Mund, da gehen unsere Melder los: ein Patient mit "Kreislaufdysregulation"(wir werden oft mit Stichworten alarmiert, weil eine genaue Krankheitsdiagnose einzutippen zu lange brauchen würde) Das eigentliche Geschehen muss, wie auch in diesem Fall, nichts mit dem Stichwort zu tun haben. Genauere Infos erhalten wir oft über Funk, wenn Zeit dazu ist. Wir laufen also durch die Fahrzeughalle und nehmen uns den Ausdruck des Alarmdruckers mit, der eine Anfahrtsbeschreibung enthält, um nicht allzulange in den Plan nachsehen zu müssen.
Der Patient ist von seinen Verwandten bereits ins Auto gesetzt worden, sie wollten selber ins Krankenhaus fahren, aber die Atemnot des Lungenkrebs- und chronische Bronchitis- Patienten ist zu schwerwiegend. Er wird an Ort und Stelle mit Sauerstoff versorgt und mein Kollege bereitet die Trage vor. Im Wagen bekommt er dann eine Infusion angeschlossen (ich steche das erste mal seit langem wieder daneben, aber der 2. Versuch klappt.
Ok durch Kortison- und Chemotherapie sehen alle Venen schlecht aus... blablabla schöne Ausrede) Da ihm auch der hochdosierte Sauerstoff nur bedingt weiterhilft, lassen wir ihn Salzwasser mit einem Medikament vermischt inhalieren. Danach gehts deutlich besser. Da wir schon von den Verwandten im Krankenhaus angemeldet sind machen wir uns sofort auf den Weg. Auf der Fahrt erklärt mir der Patient noch das er um seine Diagnose weiss und er trotzdem noch Spass im Leben mit seinen beiden Lastern den Zigaretten und den Frauen hat, das ist mal Galgenhumor...

Material zur Diagnostik




Kleiner Nachtrag dazu, unsere Sinne sind immer noch die besten Diagnosehilfsmittel: so sagt uns der Geruch ob z.B. Alkohol im Spiel ist, ein Lüngenödem kann man oft schon hören bevor man den Raum betritt, Temperatur merkt man schon beim ersten Körperkontakt und blaue Lippen zeigen oft an, das man zuwenig Sauerstoff bekommt, der gesunde Menschenverstand hilft uns dabei Situationen einschätzen zu können....

Bei allen Hilfsmitteln darf man sich also nicht zu sehr auf die Technik verlassen, die kann ja auch mal ausfallen...

11:05h neuer Einsatz, neues Glück

Wiedereinmal eine Kreislaufdysregulation, diesesmal ist die Diagnose näher dran: ein schlecht aussehender Patient hat starke Schmerzen im Brustkorb, Atemabhängig, also schon mal nix mit dem Herz, soweit so gut.
Da die Schmerzen hauptsächlich im rechten Bustkorb sind und von aussen nichts zu sehen ist, fragen wir nach ungewöhnlichen Bewegungen, auch keine. Seit gestern werden die Schmerzen und die Atemnot immer schlimmer, er nimmt schon eine Schonhaltung beim Atmen ein, mir kommt es so vor, als ob die rechte Lunge leiser ist, die Temperatur ist leicht erhöht, der Schmerz wird immer stechender. Insgesamt macht er einen schlechten Eindruck. Wir entschließen uns die weitere Versorgung im Fahrzeug zu machen (Monitoring, Sauerstoffgabe und Infusion) und schnell zum Krankenhaus zu fahen. Aufgrund der herrausgefundenen Tatsachen vermuten wir eine kollabierte Lunge, das ist zwar selten kann aber gerade bei jüngeren Patienten immer mal vorkommen, zu dieser Vermutung trägt auch bei, dass der Patient erst vor kurzem nach einer Messerstichverletzung seine Milz entnommen bekommen hat, vielleicht ist damals die Lunge schon beschädigt worden und nicht alles verheilt.
Da der Zustand des Patienten keine lange Fahrt durch die Stadt zulässt fahren wir die nächste Klinik nach telefonischer Anmeldung an. Leider ist das in Oldenburg alles nicht ganz so einfach, aber schliesslich hat der aufnehmende Arzt ein Einsehen. Während der Kollege telefoniert bekommt der Patient die komplette Überwachung und eine Infusion angehängt.

der Notfallrucksack, unser Hauptarbeitsgerät




Nach dem Mittagessen fallen mir sofort die Augen zu (wobei ich natürlich nicht Schlafe, sondern nur Ruhe, wir haben ja auch keine Schlafräume sondern... genau)
Als ich gegen 16:45 wieder aufstehe um endlich die ersten Fotos zu machen kommt doch unverschämterweise schon der nächste Einsatz:

17:02h NA = Notarzteinsatz

Das bedeutet das wir diesen Einsatz zusammen mit dem auf der Wache stationierten Notarzteinsatzfahrzeug und dem dazugehörigen Norarzt fahren, normalerweise kann man dann davon ausgehen, dass dann etwas gewichtigeres passiert was die Anwesenheit eines Notarztes erfordert.
In unserem Fall bedeutet das, dass in einem Supermarkt in der Nähe ein Kind aus dem Einkaufswagen auf den Kopf gefallen sein soll. Während der Fahrt bekommen wir die zusätzliche Info, das es sich um ein 6 Monate altes Kind handeln soll, ich entscheide ich mich dafür meinen berühmten Handschuhelefanten zu basteln.
Die älteren Kollegen werden sind immer etwas angespannter wenn wir kindliche Patienten haben, ich habe einfach den Vorteil noch keinen (mir bekannten) Nachwuchs zu haben, das macht es mir etwas einfacher.
Kurze Zeit vorher haben wir noch in diesem Laden für unseren Abendbrotsalat eingekauft, anscheinend haben wir uns nicht daneben benommen, denn jetzt werden wir freundlich hereingewunken...

Das Kind schreit sich die Seele aus dem Leib, so blöd sich das anhört, das ist immer ein gutes Zeichen.
Zum Schreien braucht man Luft und muss wach sein, also sind Atmung und Bewusstsein vorhanden. Ein kurzer Blick in die Pupillen zeigt das sie gleich groß sind und auf das Licht reagieren, alles halb so schlimm, meinen Handschuh findet der kleine Junge auch halbwegs interessant. Mit dem Notarzt zusammen beschließen wir das Kind mit der Mutter und den 2 anderen Geschwistern zur radiologischen Abklärung mit ins Krankenhaus zu nehmen.

Stiffnecktasche und Kinderkoffer




19:17h R1= Rettungswageneinsatz, nähere Infos über Funk

Ein Haushaltsunfall. Ein berühmter Schlauschnack ist, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren, stimmt auch. Hier und jetzt soll eine Frau die Treppe runtergestürzt sein.
Bei unserer Ankunft werden wir schon von der ganzen Familie im viel zu kleinen Wohnzimmer empfangen. Die Dame klagt über schreckliche Schmerzen im Rücken nach ihrem Sturz, nachdem wir sie abgetastet haben ist klar, dass die Schmerzen zum Glück nichts mit der Wirbelsäule zu tun haben, sonderen daneben liegen, auf den kurzen Rippen. Über den Rippen kann man ein ganz leises knirschen hören, wohlmöglich eine Rippenfraktur. Jetzt ist wichtig herauszubekommen, ob sich eine der Rippen in die Lunge gebohrt hat. Schmerzen hat sie ja schonmal beim Atmen, aber die Lunge hört sich gut belüftet an. Als wir die Dame in einen bequemeren Stuhl setzen wollen kann sich sich vor Schmerz nicht bewegen, so bekommen wir sie nicht ins Krankenhaus transportiert.
Also bestellen wir unseren Notarzt zur Analgesie (Schmerztherapie) nach und bereiten dafür schon mal alles vor, die Infusion wird gelegt, die Überwachung kompletiert und Sauerstoff verabreicht.
Nach kurzer Überprüfung meiner Diagnose, appliziert der Notarzt ein Schmerz- und ein Beruhigungsmittel.
Das besondere bei diesem Einsatz ist, dass die Patientin sich vor Schmerz nicht aus ihrem Stuhl zu unserer Trage bewegen kann, da aber die Medikamente schnell wirken müssen wir schnell handeln, den unter Medikamenteneinfluss (halbwegs schmerzfrei) kann sie kaum laufen, weil sie schon eher schwebt...
Also der Kompromiss: die Medikamente nur kurz wirksam werden lassen und dann sofort mit unserer Hilfe die letzten Schritte zur Trage laufen, alles gutgegangen, sonst hätten wir sie das letzte Stück unter abenteuerlichen Verhältnissen tragen müssen. An der Trage ist es dann soweit, aber wir sind ja auch vorbereitet.




Die Sauerstofftasche




Nach dem gemeinsamen Abendbrot bekommen wir Besuch von einem Rettungswagen der Wache 2.
Die Wache wird aufgeräumt und sauber gemacht, endlich ist wieder Zeit zum Schlauschnacken und Erfahrungen des Tages austauschen.
Draussen am Fenster fahren die Rettungswagen denen auf der Wache wohl zu langweilig ist, im Fernsehen kommt "Der Eisbär", es gibt Tee, Kerzen stehen auf dem Tisch und alles ist wölckchen...


eines unserer Hauptarbeitsmittel




Mal was ganz anderes: bei vielen Gesprächen mit Patienten/ Angehörigen/ Freunden kommen immer wieder die gleichen Vorurteile über unsere Arbeit: " das könnte ich ja nicht..." oder "immer das viele Blut/ die vielen schrecklichen Unfälle...."

Tja, was soll ich schreiben... also, wie man an der Beladung schon sehen konnte haben wir relativ wenig mit Blut zu tun, heute z.B. nur die aufgeplatze Lippe des Kindes. Der letzte blutige Einsatz ist bei mir schon so lange her, das ich nicht sagen kann was und wann es war.

"Das könnte ich nicht", ich glaube ja das es jeder kann, vor der Ausbildung waren meine Kollegen und ich auch etwas ganz anderes, man kann sich aber sehr schnell einleben. Die fundierte Ausbildung hilft dabei auch komplizierte biologische Vorgänge zu verstehen. So ist es einfacher zu begreifen das man nicht ohne Kopf weiterleben kann, und wenn doch, würde es blöd aussehen...
Hilfreich ist ausserdem, das wir so gut wie keinen Patienten vorher auch nur gesehen oder gekannt haben. Wenn es also fremden Menschen schlecht geht, ist mir das natürlich nicht egal, aber so etwas passiert nunmal, es ist einfach unsere Arbeit... Klingt natürlich sehr hart, stimmt so auch nicht ganz, aber was ich damit sagen will ist, dass wir einfach in so kurzer Zeit keine persönliche Beziehung zu unseren Patienten haben. Das ist auch gleichzeitig unser Schutz ohne den wir sicherlich kaum weiter arbeiten könnten. Natürlich sind wir nicht Gefühlskalt oder Emotionskrüppel, wir wahren nur einen gewissen Abstand zu den Patienten und auch das geht nicht immer...

"Die vielen schrecklichen Unfälle..." Ich kenn einen, der war mal bei nem schweren Unfall dabei... Nein, im Ernst, große Unglücke sind nun wirklich nicht an der Tagesordnung und selbst wenn mal etaws größeres passieren sollte heisst es ja nicht gleichzeitig, dass wir da auch hin müssen, es gibt schließlich noch 4 andere Rettungswagen in Oldenburg...
In Köln ist mal ein Haus explodiert, meine komplettte Wache und noch einige andere rückten dahin aus, wir wurden erst 5 min. später alarmiert, in einer Strassenbahn sollte ein Patient alkoholisiert eingeschlafen sein...
Ok, später wurden wir auch dazugeholt, aber da war das Schlimmste schon vorbei. Wirklich spektakuläre Einsätze sind selten, da gaukelt das Fernsehen oft was anderes vor.
Es kommt zwar im Laufe der Jahre schon einiges zusammen, aber die wirklich belastenden Einsätze (für mich) sind meistens weniger spektakulär. Schlimmer als Verletzungen sind die menschlichen Abgrunde denen man auch häufiger begegnet, Junkys die aus purer Not ihre Eltern bestehlen müssen, Kinder die um Verletzte Eltern weinen, Zwangseingewiesene und deren Lebenslauf und und und...



Das Cockpit...




Weil wir mit so vielen Eindrücken konfrontiert werden, schweisst es uns auch zusammen. Und eine besondere Art des Humors bildet sich (natürlich nicht über Patienten, ok ganz selten). Den ganzen Tag wird irgendein Quatsch gemacht und jeder überlegt sich neue Gags.
Um zu erzählen was ich in meiner Zivi- Zeit in Norden alles an Unfug gesehen habe reicht diese Homepage nicht aus (nicht wahr Robert?)
Wenn uns das Tagesgeschäft mal zu hart wird, suchen wir Trost und die starke Schulter der Kollegen. Das verbessert auch die wichtigen sozialen Kontakte, die man ja während der Arbeit nicht mit normalen Menschen hat (Krankenhauspersonal findet uns meistens doof) und stärkt das "wir Gefühl" und die Teamfähigkeit.
So wird also in ruhigen Minuten miteinander gekuschelt und gestreichelt bis die Wände rosa werden... Natürlich nur damit wir uns in Krisensituationen kompromisslos aufeinander verlassen können.

Und Spass beiseite, das kann man wirklich jederzeit!
Das ist die wichtigste Vorrausetzung für erfolgreiches Arbeiten!




Softskill Teamfähigkeit




21:24h HUB

Hinter diesem Kürzel befindet sich ein Hubschrauber- Einsatz. Das heisst wir fahren zum etwa 150m entfernten Landeplatz und warten auf das Gute von Oben.
Zum Glück landet der Hubschrauber erst in 20 min, so dass wir noch die wichtige Schlussszene des Filmes mitbekommen können.
Der Hubschrauber hat einen Patienten aus dem Krankenhaus Norden an Bord, der von uns und der Besatzung auf die Herz- Intensivstation transportiert wird. Schnell erledigter Einsatz da wir ja direkt am Krankenhaus stationiert sind.
2 Fakten zum Hubschrauber, die ich erst seit kurzem kenne:
- 2 Kollegen des Hubschraubers aus Sanderbusch arbeiten nebenbei beim Friesischen Rundfunk und tragen dort die ganze Zeit ein Rohr durch die Gegend... leider waren die Heute nicht dabei.
- Der Grund, weshalb der Hubschrauber bei Einsätzen in der Nacht ca 30 min läger braucht ist nicht etwa die Dunkelheit, nein, die Kollegen bekommen Nachts nur Geld, wenn auch Einsätze anliegen, also schlafen sie zuhause... Dabei macht der ADAC so viel Werbung mit ihnen, auch kraß.



Hubschrauber- Einsatz




Endlich ist der Boxkampf vorbei durch den uns unser Herbergsvater als alter Profi Boxer und Moderator geführt hat und ich gehe ins Bett.

ca 4:00h FZimm steht auf dem Melder

Eine alte Regel besagt, daß auch die schönsten Träume schnell beendet sind sobald ein Zimmerbrand in der Nachbarschaft lodert...
Zu Brandmeldeanlagen bei besonderen Objekten wie Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Kinder- und Altersheime wird auch immer zusätzlich zur Feuerwehr der Rettungsdienst mitalarmiert, es könnte ja wirklich was passiert sein, und selbst wenn nicht stehen wir natürlich als Schutz für die Kollegen sofort parat.
Der Personalmangel führt in einigen anderen Fällen aber auch dazu, das die Rettungswagenbesatzung die Wasserversorgung mit aufbaut, nicht nur um später nicht doch Kollegen versorgen zu müssen, sondern weil es manchmal einfach nicht anders geht.
Bei manchen Brandeinsätzen sind die Rettungswagen schneller als der Löschzug vor Ort ( wir müssen uns ja nicht mehr umziehen) und kann dan schon mal die ersten Maßnahmen einleiten, z.B. Rückmeldungen geben und Wohnhäuser evakuieren, gerade dies ist in letzter Zeit einige Male vorgekommen.

Dieser Zimmerbrand ist allerdings wieder anders, er soll direkt in der Nähe der Wache sein, über unserem geliebten Baguette- Laden in ca 50m Entfernung, eine Anruferin will Flammen gesehen haben. Als wir ankommen ist allerdings nur etwas Rauch von der Heizung des Klinikums in der Luft. Also suchen wir alles ab und können doch nicht fündig werden. Als der Löschzug eintrifft meldet sich auch die Anruferin und erkennt ihren Irrtum, ein Glück, zurück ins Bett!


Der Ruheraum




Der 24h Dienst endet erst morgens um 8h.

An diese Tatsache werden wir pünktlich um 6:58 errinnert NA!

2 Minuten länger und dann hätte auch der Wecker seine Pflicht tun können. Der Kollege ist schon seit 30 min wach und empfängt mich mit einer Tasse Kaffee in der Fahrzeughalle - Super!
Die Zeit die die Kollegen des NEF länger brauchen nutzen wir um die Strecke auf dem Plan zu suchen.

Am Einsatzort angekommen empfängt uns der Eheman der Patientin, die nun schon zum 2. mal innerhalb weniger Tage über stärkste Schmerzen in der Brust klagt. Ab dann ist alles klar, die Standartmaßnahmen zur Herzinfarkttherapie laufen an. Wenn wir auch alle noch etwas holprig sind durch die frühe Uhrzeit, weiss jetzt jeder was zu tun ist.
Das EKG wird angeschlossen, die 12 Kanal Erweiterung angeschlossen, Ruhe EKG ausgedruckt, Infusion gelegt, Sauerstoff gegeben, Blutdruck gemessen (der ist übrigens die ganze Zeit sehr niedrig, was den Zuständ der Patientin eher verschlechtert). Während 2 Kollegen die Medikamente aufziehen, telefoniert der NEF Fahrer schon mit dem Krankenhaus um die Patientin anzumelden, damit die Maßnahmen ohne Pause weitergeführt werden können.
Nach dem Umlagern auf die Trage gehts mit Alarm in die Notaufnahme des Klinikums.

Jedesmal wenn ich durch die Fahrzeughalle des Klinikums laufe, errinnere ich mich an die kleine Schlägerei, die ein Kollege und ich dort an einem Sonntagmorgen um 5h hatten. Damals habe ich einen Tritt ins Gesicht bekommen, ich würde ja auch aussehen wie ein Türsteher war später die Begründung, nicht schlecht.


Das alte Problem




Dieses Originalschreiben von 1946 dokumentiert ein Problem das is heute weiterhin besteht: die Krankenhäuser versuchen oft die Aufnahme von Patienten abzulehnen. Meistens kommt dann als Ausrede, dass sie ausgelestet sind.
Kommt man dann aber in die Notaufnahmen, rollt da Tumbleweed durch die Flure. Das dort immer mal viel zu tun ist und auch jeder Patient vernünftig versorgt werden soll ist ja klar, auch das dass alles seine Zeit braucht, aber wieso bekommen das die Krankenhäuser im restlichen Deutschland gebacken und nur die Oldenburger nicht? Keiner kanns erklären. Das interesannte daran ist, dass es wie gesagt schon seit 1946 aktenkundlich bekannt ist.
Allgemeinhin ist es so, das der Rettungsdienst die schwer Verletzten/ Erkrankten Patienten bringt, so das diese normalerweise Vorrang haben und so auch weiterversorgt werden müssen. Weil bekannt ist, das dass oft nicht so gehandhabt wird, haben wir Telefone an Bord mit denen wir besondere Patienten anmelden können. Aber im Krankenhaus denkt man sich dann: prima, dann können wir euch ja auch telefonisch absagen... so kommt es immer wieder vor, dass uns Schwestern Ärzte ans Telefon reichen oder man uns immer weiter reicht um uns zum Schluss zu sagen, das es nicht geht. Das Spiel macht man dann bei allen 3 Krankenhäusern mit.
Ist extrem frustierend für uns und für die Patienten und deren Angehörigen der blanke Horror. Ich rufe jetzt nur noch an um zu sagen das wir kommen, fertig!
Leider leidet das Verhältniss zwischen Rettungsdienst und Krankenhaus enorm darunter. Allerdings gibt es auch einige Ärzte, die, sobald sie mal im Rettungsdienst mitgearbeitet haben, sich ändern. Es ist nämlich sehr schwierig unter Einsatzbedingungen für Ausreden des Krankenhauses Verständniss zu haben, schliesslich kann der Patient nicht in unserem Rettungswagen bleiben, auch wenn das manches mal vielleich besser wäre.
Die Krankenhäuser haben die Pflicht alle Patienten aufzunehmen, und wenn sie nur die Erstversorgung machen, damit wird komischerweise auch in ihren Prospekten immer mit geworben....

Als wir dann um ca 8:15 endlich Wache 1 anlaufen können finden wir eine motivierte und ausgeschlafene frische neue Besatzung vor. Es ist 24h her...


Die Fotos und Beiträge werden in den nächsten Tagen nach dem ACLS Training erneuert. Bis dann und frohes Retten!


Passende Bilder gibts hier!

Hier gehts zum typischen Tag bei der Feuerwehr.

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